
Wie gut ist der öffentliche Dienst für die Zukunft vorbereitet? Ein Blick hinter die Kulissen der Verwaltungsausbildung in Baden-Württemberg zeigt: Es bewegt sich viel. Doch reichen Ansätze im Bereich der Ausbildung, KI und Interkommunale Zusammenarbeit aus, um den wachsenden Herausforderungen zu begegnen? Im Interview spricht der Professor der Hochschule für öffentliche Verwaltung Kehl, Jörg Röber, über genau diese Ansätze und einen großen Wurf, der politisch jedoch nicht gewollt ist.
Beginnen wir mit einer Frage zu Deiner Lehrtätigkeit. Wie läuft die Ausbildung der Nachwuchskräfte für den öffentlichen Dienst in Baden-Württemberg?
In Kehl und Ludwigsburg sind wir vor allem auf Studienprogramme fokussiert, die für die Laufbahn des gehobenen Dienstes auf Landes- und kommunaler Ebene qualifizieren. Absolventen des Studiengangs „Bachelor Public Management” (BPM) aus Kehl und Ludwigsburg arbeiten in Kommunalverwaltungen und einer Vielzahl von obersten und oberen Landesbehörden. Somit bilden wir das Rückgrat unserer Landes- und Kommunalverwaltung aus. Zudem bieten wir gemeinsam mit Ludwigsburg den Studiengang „Digitales Verwaltungsmanagement” (DVM) an. Dieser qualifiziert ebenfalls für die Laufbahn des gehobenen Dienstes, insbesondere für Einsatzgebiete an der Schnittstelle zwischen Digitalisierung, IT und klassischer Organisationsverwaltung.
Eine enge Kooperation mit den kommunalen Spitzenverbänden, umfangreiche Praxiszeiten sowie das große Engagement meiner Kollegen und mir in der Weiterbildung und Beratung der Verwaltung sorgen für eine hohe Praxisnähe und verhindern, dass wir an den Bedarfen unserer Zielgruppe vorbeiausbilden. Gleichzeitig ist es eine große Herausforderung für uns Lehrende, trotz des dualen Charakters einen generalistischen und vor allem umfangreichen Themenkanon in den Studienzeiten an der Hochschule zu vermitteln.
Du bist zwar an der Hochschule in Kehl tätig, jedoch nah an der Praxis. Was hat Dich im vergangenen Jahr in der Verwaltungspraxis positiv überrascht?
Im letzten Jahr – sicherlich auch durch Krisenerfahrungen befördert – ist beim Thema Binnenmodernisierung spürbar Bewegung entstanden. Es gibt gute Ansätze, wenn auch noch nicht flächendeckend, um KI sinnvoll in den Verwaltungsalltag zu integrieren und flexiblere Organisationsformen einzuführen. Länder wie Baden-Württemberg versuchen zudem, mit einer eigenen Modernisierungsagenda auch auf Landesebene voranzukommen. Selbst wenn die Entlastungsallianz in Baden-Württemberg sicherlich noch liefern muss, finde ich die grundsätzliche Richtung gut. Es gibt mehr Offenheit für Themen der Verwaltungsmodernisierung.
Es werden viele Staatsreformen in Deutschland gefordert. Was sind aus Deiner Sicht gute Vorschläge?
Ich bin hier etwas zurückhaltend. Die Vorschläge der Initiative für einen handlungsfähigen Staat, beispielsweise zur besseren Rechtssetzung, zur Verwaltungsvereinfachung und zur Stärkung der Koordinations- und Steuerungsfähigkeit zwischen den Ländern bzw. zwischen Bund und Ländern, sind zwar nicht neu, aber richtig und passen zu unserer traditionellen Idee von Verwaltung.
Was kann IKZ realistisch leisten und was nicht?
IKZ hat viele traditionelle und auch neuere Erscheinungsformen. Wenn ich hier über IKZ spreche, dann beziehe ich mich weniger auf niedrigschwellige Formen der wenig organisierten Kooperation, wie Arbeitsgruppen oder Kommissionen zum Meinungs- und Informationsaustausch, sondern auf organisierte Formen der Kooperation, die das Ziel verfolgen, gemeinsam interne oder externe Dienstleistungen oder Produkte mittel- bis langfristig anzubieten.
In diesem Sinne kann IKZ sicherlich eine spürbare Effizienzrendite mit sich bringen – vor allem durch Skalierungseffekte –, ohne dass damit Effektivitätsverluste einhergehen müssen, sofern die Voraussetzungen stimmen. Unabhängig vom Wahlkampf sollten wir aber auch darüber sprechen, ob wir die geringen durchschnittlichen Gemeindegrößen, wie sie beispielsweise in Baden-Württemberg vorherrschen, auch in Zukunft aufrechterhalten wollen. Die Aufgabenfülle, die Regulierungslasten und die Personalknappheit lassen sich durch IKZ nur dämpfen, aber nicht auflösen. IKZ stellt somit einen Lösungsweg dar, der auch schon heute umsetzbar ist, da andere Optionen politisch nicht gewollt sind (zum Beispiel eine Gemeindegebietsreform) oder mit erheblichen Widerständen und politischen Gefahren verbunden sind (zum Beispiel Nutzerfinanzierung und materielle Aufgabenkritik).
Den Aufwand, der mit der Etablierung einer IKZ, zum Beispiel in Form eines gemeinsamen Personalamts oder Bauhofs, verbunden sein kann, sollte man jedoch nicht unterschätzen. Gerade die Vorbereitung – ob in Bezug auf die Integration unterschiedlicher Organisationsstrukturen, gemeinsame Prozesse, Routinen usw. – und die anspruchsvollen Abwägungen – zum Beispiel in Bezug auf die Rechtsform, Finanzierung bzw. Kostenteilung, steuerrechtliche Fragen usw. – erfordern entsprechende Expertise. Wenn diese nicht im eigenen Haus vorhanden ist, muss sie ggf. teuer eingekauft werden.
Was ist das wichtigste Erfolgsprinzip für gelingende interkommunale Zusammenarbeit?
An erster Stelle stehen auf jeden Fall Vertrauen und ein gemeinsamer politischer Wille, diesen Weg ggf. auch gegen einzelne Widerstände gemeinsam zu gehen. Ich glaube, es bedarf zudem einer realistischen Einschätzung der damit verbundenen Kosten und des Nutzens, klarer, standardisierter Prozesse sowie belastbarer Konfliktregelungen.
Welche Kooperationsmodelle werden künftig wichtiger: Zweckverband, gemeinsame Anstalt oder ganz neue Modelle wie Shared Service Center?
IKZ ist kein neues Zaubermittel, sondern ein Instrument, das wir schon lange in unserem Werkzeugkasten haben. Insbesondere Zweckverbände sind in vielen Infrastrukturbereichen seit Jahrzehnten gängige Praxis. Ich sehe jedoch gerade in den Shared Service Centern, d. h. im Bereich der Kernverwaltung bzw. der Ordnungs- und Sozialverwaltung, noch viel Potenzial.
Wenn Du drei Wünsche frei hättest: Was sollen gerade Kommunen in Sachen Verwaltungsmodernisierung in 2026 umsetzen?
Mehr IKZ wagen, KI UND gutes Prozess- und Datenmanagement einführen.
Vielen Dank für das Interview, Jörg!
Zur Person: Seit rund sechs Jahren ist Prof. Dr. Jörg Röber an der Hochschule für Verwaltung in Kehl. Sein Schwerpunkt liegt dabei im Verwaltungsmanagement/ Prozessmanagement. Zuvor war Röber bei der Stadt Villingen-Schwenningen Stabsstellenleiter der Stabsstelle für Digitalisierung und Projektmanagement sowie Referatsleiter und persönlicher Referent des Oberbürgermeisters.